Teil 3 des großen Hinrundenfazits

Dortmund, Hertha, Union, Mainz und Bielefeld schauen auf ihre Saison zurück

Borussia Dortmund

  • Saisonziel

Meister oder nicht? Die vor allem in den Medien geführte Diskussion, ob der BVB den Titel als Ziel ausrufen muss, um auch das nötige Mindset dafür zu haben, nervt schon seit Jahren. Immerhin holte Jürgen Klopp – ja, der schon wieder – die Meisterschaft mit dem guten alten Credo „wir denken von Spiel zu Spiel“. Vor dieser Saison äußerten die Vereinsverantwortlichen sinngemäß, dass der Liga-Titel kein Muss ist, man dafür aber den Pokal wieder nach Dortmund holen will. Selbst Lucien Favre stimmte zu. Das Mindestziel in der Bundesliga ist schon aus finanziellen Gründen das erneute Erreichen der Champions League, in der man in der aktuellen Spielzeit eine Runde weiterkommen wollte.

Letzteres haben die Schwarz-Gelben geschafft. Natürlich besteht gegen den FC Sevilla die Chance aufs Viertelfinale; Sportdirektor Michael Zorc sprach von einem Duell auf Augenhöhe. Im DFB-Pokal ist die Borussia voll im Rennen und hat angesichts des nächsten Gegners SC Paderborn und des Ausscheidens der Bayern auf dem Papier ganz gute Karten. Das große Dilemma ist die Situation in der Liga. Wegen dieser erfolgte der Trainerwechsel von Favre zu Edin Terzic, wegen dieser stehen allen Beteiligten auch nach dem Rückrundenauftakt die Sorgenfalten auf der Stirn. Inzwischen stehen sechs Vereine vor dem BVB und keiner von ihnen macht derzeit den Eindruck, weniger konstant Leistung abzurufen als die Schwarz-Gelben.

  • Die Tops im Kader

Unter den Neuzugängen ist Emre Can der Spielertyp, der dem BVB am ehesten gefehlt hat. An seinen guten Tagen ein engagierter Antreiber, der selbst mit gutem Beispiel vorangeht, kann der Mittelfeldspieler zur Not auch in der Innenverteidigung eingesetzt werden. Sein Spiel ist sicher nicht fehlerfrei, aber Can tut dem Team gut. Der 17-jährige Jude Bellingham, vor der Saison vom englischen Zweitligisten Birmingham City gekommen, ist vor allem ein Versprechen für die Zukunft, zeigt aber in Ansätzen schon, wieso er so hoch gehandelt wurde und wird.

Die wirklichen Topspieler der Saison sind aber keine Neuankömmlinge. Wie wichtig Stürmerstar Erling Haaland für die Borussia ist, braucht angesichts seiner Torausbeute keine weitere Erklärung. Und die vor allem in der ersten Hälfte der Hinserie geringe Torausbeute der Gegner lässt sich entscheidend mit dem Namen Mats Hummels verbinden. Auch er wurde in den letzten Wochen fehleranfälliger, aber wo stünde der BVB ohne ihn?

  • Die Flops im Kader

Bei der überschaubaren Zahl echter Neuzugänge fällt mit Reinier ein junger offensiver Mittelfeldspieler auf, der immerhin von Real Madrid geholt wurde, aber erst auf 136 Einsatzminuten kommt und dabei keinerlei Akzente setzen konnte. Geplant war wie bei Achraf Hakimi eine zweijährige Leihe von Real, aber derzeit ist noch unklar, ob Reinier überhaupt bis zum Sommer bleibt. Thomas Meunier kam immerhin von PSG und war rechts hinten als Nachfolger für Lukasz Piszczek eingeplant. Vor allem unter Lucien Favre war er unumstritten, konnte das aber nicht oft genug mit entsprechenden Leistungen rechtfertigen. Als echten Flop sollte man ihn jedoch noch nicht abschreiben.

Nico Schulz kam schon 2019 zur Borussia. Der Nationalspieler konnte sich aber trotz nicht gerade übermächtiger Konkurrenz auf der linken Seite nie durchsetzen. Mittelfeldspieler Mahmoud „Mo“ Dahoud erlebte einen kurzen Frühling im Oktober, als er zweimal hintereinander in der Startelf stand. Nun ist er aber wieder außen vor und soll sich im Training auch noch mit Trainer Terzic gezofft haben. Nicht als Flops, aber viel zu unkonstant präsentieren sich 2020/21 außerdem die Nationalspieler Marco Reus und Julian Brandt.

  • Baustellen im Kader

Baustellen, die unmittelbar bearbeitet werden müssten, hat der BVB nicht. Das ist zumindest der Tenor aus dem Verein, der vor dem Hintergrund der finanziellen Situation verständlich ist. Im Grunde ist der Kader quantitativ wie qualitativ gut besetzt, weswegen die sportliche Lage umso mehr Rätsel aufgibt. Zumindest mittelfristig wird die Innenverteidigung Thema werden. Dan-Axel Zagadou, potenzieller Stammspieler, hat unheimliches Verletzungspech. Daher sind zurzeit Hummels und Akanji gesetzt, Can oder Piszczek die Notlösungen. Der verliehene Leonardo Balerdi konnte sich auch bei Olympique Marseille bisher nicht durchsetzen.

Die Dortmunder Außenverteidigung ist quantitativ ausreichend besetzt, doch hinter die schon angesprochenen Schulz und Meunier muss man leistungsmäßig Fragezeichen setzen. Auf rechts muss sich Morey noch über einen längeren Zeitraum beweisen und Piszczek hört im Sommer auf. Bleibt als einziger unbestrittener Stammspieler Raphael Guerreiro. Für Kritik sorgt immer wieder die fehlende Auswahl im Sturm. Hier wird es spannend, ob die jungen Talente Youssoufa Moukoko und Steffen Tigges auf genügend Spielzeit kommen, um sich ein Urteil über sie erlauben zu können.

  • Wie steht’s um den Verein?

Das Virus schafft auch Borussia Dortmund ganz schön: Rund 75 Millionen Euro hat man durch die Corona-Krise schon verloren; bei der Abrechnung im Sommer dürfte es ein dreistelliger Millionenbetrag sein. Für den Verein hängt extrem viel davon ab, ob er auch 2021/22 in der Champions League vertreten ist. Anderenfalls droht der Abgang von mehr Spielern als nur Jadon Sancho. Der BVB müsste sich wohl ganz neu und bescheidener aufstellen.

Die Trainerfrage stellte sich bereits im Dezember und wird den Verein bis zum Sommer begleiten. Mit Edin Terzic folgte eine interne Lösung auf Lucien Favre, aber derzeit sieht das nicht nach einer Dauerlösung aus. Ob der gehandelte Gladbach-Trainer Marco Rose allerdings ohne Champions League noch Lust auf Dortmund hätte? Die Besetzung dürfte ein Geduldsspiel werden.

Unter den Fans haben die Favre-Jahre latente Zweifel hinterlassen, ob Mannschaft und Verein wirklich ihr Potenzial ausschöpfen. Das mag Klagen auf hohem Niveau sein, aber gerade in Zeiten wie diesen hätte sportlicher Misserfolg ernste Konsequenzen. Hinterfragt werden auch Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc. Letzterer soll ganz planmäßig und auf eigenen Wunsch 2022 beim BVB aufhören. Als Nachfolger steht mit Sebastian Kehl ein anderer Ex-Spieler bereit, der derzeit noch Lizenzspielerleiter ist. Endgültig entschieden ist diese Personalie allerdings noch nicht.


Hertha BSC

  • Saisonziel

Wenn ein Verein nach dem 18. Spieltag den Trainer und den Geschäftsführer Sport austauscht, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass das Saisonziel verfehlt wird. So sieht es auch bei Hertha BSC aus. Auch wenn es unterschiedliche Ansichten darüber gab, ob das Saisonziel nach dem massiven Kaderumbruch Europa lauten muss (wie von Lars Windhorst und Jens Lehmann formuliert) oder es eine stetige Weiterentwicklung und Verbesserung geben soll, die in den nächsten Jahren nach Europa führt (Michael Preetz), so war doch klar: Das aktuelle Resultat ist absolut ungenügend. 17 Punkte bedeuten die schlechteste Hinrundenbilanz seit elf Jahren. Damals stieg Hertha ab. Damit es diesmal nicht so weit kommt, geht Hertha vorerst zwei Schritte zurück und holt den Trainer zurück, dem man vor knapp zwei Jahren die Weiterentwicklung der Mannschaft nicht mehr zutraute. Pál Dárdai muss nun aus einer charakterlich offenbar schwierig zusammengestellten Truppe eine Einheit formen. Dabei assistieren wird ihm mit Zecke Neuendorf eine weitere Hertha-Legende. Preetz‘ Aufgaben wird vorerst Arne Friedrich übernehmen. Dass das in Sachen Außenwirkung und Kommunikation ein anderes Level erreicht als zuvor, ließ sich bereits in den beiden Presserunden dieser Woche erkennen. Gelingt es den dreien diese Aufbruchsstimmung auch in die Mannschaft und den Verein zu tragen, kann das ein Konzept mit Zukunft sein. Wenn nicht, steht im Sommer vermutlich der nächste Umbruch an.

  • Die Tops im Kader

Der beste und prägendste Spieler im Berliner Kader ist definitiv Matheus Cunha. Der Brasilianer kommt auf 6 Tore und 4 Assists in 16 Spielen und ist an guten Tagen eine Augenweide. Doch auch er verkörpert das Problem dieses Kaders. Zu verspielt, zu egoistisch und immer mal wieder durch Aktionen auffällig, für die man eigentlich durchaus auch mal auf die Tribüne verbannt werden könnte.

Neuzugang Jhon Cordoba kam sofort gut an und verdrängte den Star-Einkauf des vorherigen Winters, Krzysztof Piatek. Cordobas Verletzung traf Hertha schwer, zumal er bisher noch nicht die Form von Saisonbeginn erreicht hat.

Positiv erwähnt werden muss auch Peter Pekarik. Mit 34 Jahren erkennt der dienstälteste Herthaner sogar leichte Offensivqualitäten. Dass der verlässliche Slowake unumstrittener Stammspieler ist, spricht allerdings auch dafür, dass die Planungen der letzten Jahre für seine Position des Rechtsverteidigers nicht funktioniert haben. Weder Lukas Klünter noch Deyovaisio Zeefuik spielen aktuell eine wirkliche Rolle bei Hertha BSC.

  • Die Flops im Kader

Neben den bereits erwähnten Lukas Klünter und Deyovaisio Zeefuik muss hier auch Dodi Lukebakio genannt werden. Mittlerweile anderthalb Jahre im Verein sind seine Statistiken zwar akzeptabel, seine Entscheidungsfindung, Körpersprache und Konstanz ist allerdings (nicht nur) angesichts der 20 Mio. € Ablösesumme ungenügend.

Da sich in den letzten 18 Monaten die Ablösesummen bei den Berlinern drastisch nach oben verschoben haben, ist auch der Anspruch an die Spieler ein anderer geworden. In Anbetracht von Transfersummen jenseits der 20 Mio. € sind auch die durchschnittlichen Auftritte von Krzysztof Piatek und Lucas Tousart enttäuschend. Eduard Löwen, der als Arne Maier Ersatz vorzeitig aus Augsburg zurückgeholt wurde, spielt bislang ebenso keine Rolle, wie Santiago Ascacibar, der allerdings – wie auch Javairo Dilrosun, mit ständigen Verletzungsproblemen zu kämpfen hat.

  • Baustellen im Kader

Kurzfristig muss am dringendsten auf den offensiven Außenpositionen nachgebessert werden. Matheus Cunha spielt aktuell zwar regelmäßig auf dem linken Flügel, ist aber eigentlich im Zentrum besser aufgehoben. Javairo Dilrosun hat fantastische Anlagen, schafft es aber verletzungsbedingt kaum, mal mehr als 6-7 Spiele am Stück zu machen. Da Dodi Lukebakio bisher in der Kategorie Flops einzusortieren ist, besteht dort Handlungsbedarf. Perspektivisch wäre auch zu klären, ob man auf den defensiven Außenpositionen gut genug besetzt ist. Die rechte Außenbahnposition hat die benannten Probleme, auf der linken Außenbahn ist mit Luca Netz ein großes Talent gerade dabei, Stammspieler zu werden. Allerdings läuft sein Vertrag im Sommer aus und es wird kolportiert, dass der FC Bayern Interesse angemeldet hat. Ob Marvin Plattenhardt, den Dárdai in seiner ersten Amtszeit aus dem Nichts zum Stammspieler machte und zeitweise zum Nationalspieler formte, unter dem neuen, alten Coach wieder zu seiner Topform findet ist ebenso ungewiss, wie die Frage, ob Maximilian Mittelstädt den nächsten Entwicklungsschritt gehen kann.

  • Wie steht’s um den Verein?

Der Verein befindet sich im größten Umbruch seit Ende der Ära Dieter Hoeneß. Die entscheidende Frage ist jetzt, ob es Pál Dárdai, Zecke Neuendorf und Arne Friedrich gelingt, eine funktionierende Mannschaft zu formen und möglich schnell sportlichen Erfolg und ein spielerisches Konzept zu entwickeln. Hinter den Kulissen wird sich vor allem der neue Vorsitzende der Geschäftsführung, Carsten Schmidt, mit Alternativen beschäftigen. Dárdai, der sein Engagement wohl an die Bedingung knüpfte, nicht nur Feuerwehrmann zu spielen, wird nur dann auch in der nächsten Saison Trainer sein, wenn seine Mannschaft gut und erfolgreich spielt. Ein knapper Klassenerhalt, wie zu Beginn seiner ersten Amtszeit, wird wahrscheinlich nicht für eine Weiterbeschäftigung reichen. Arne Friedrich rückt vorerst nicht in die Geschäftsführung auf. Dies scheint für die Zukunft zwar nicht ausgeschlossen, doch irgendwann wird man die Richtungsfrage entscheiden müssen, ob es in dieser Konstellation langfristig weitergehen soll oder ob man den Verein jemandem in die Hände legt, der zwar gezeigt hat, dass er so etwas kann, aber bei vielen Fans und Mitgliedern auf große Abneigung stößt. Der Name Ralf Rangnick wird nach wie vor gehandelt, auch wenn man sich der Risiken dieser Personalie durchaus bewusst ist. Ralf Rangnick hat in Hoffenheim und Leipzig gezeigt, dass er Projekte aus dem Nichts zu großem und durchaus nachhaltigem sportlichen Erfolg führen kann. Ob er das auch bei einem Traditionsverein mit 38.000 Mitgliedern leisten kann, der darüber hinaus durch Corona, dem Abbau von Verbindlichkeiten und kostspieligen Transfers bereits einen beträchtlichen Teil der Windhorst Millionen investiert hat, ist überaus fraglich.

Die aktuellen Verantwortlichen auf sportlicher Ebene haben es in eigener Hand, dass sich diese Frage irgendwann nicht mehr stellt: Sportlicher Erfolg! Nicht in der Zukunft, sondern jetzt.


Union Berlin

  • Saisonziel

Als Union am 27. Mai 2019 zum ersten Mal in seiner fast 100-jährigen Geschichte in die 1. Fußballbundesliga aufstieg, galt der Verein aus Oberschöneweide im Berliner Südosten als der natürliche Absteiger am Ende der Saison. Dass der 1. FC Union Berlin in der Saison 2019/20 mit wahnsinnigen 41 Punkten und punktgleich mit der alten Dame aus Charlottenburg auf Platz 11 landete, galt bereits als Sensation. Eine Saison später – in der 2. Bundesligasaison der Eisernen, der angeblich schwersten – hat sich an den Vorzeichen nichts verändert. Union Berlin hat mit 60,6 Millionen den zweitkleinsten Saisonetat – nur Bielefeld hat noch 15 Millionen weniger an Budget für seine 1. Männermannschaft eingeplant. Nur zum Vergleich: Am anderen Ende der Etattabelle stehen Mannschaften, die 500 – knapp 900 Millionen Budgets für ihre Mannschaften zur Verfügung haben. Entsprechend bescheiden und zu Recht wird auch im 2. Jahr der Bundesligazugehörigkeit als Saisonziel ausschließlich der Klassenerhalt formuliert, in der man sich langfristig etablieren möchte. Mit dieser Zielsetzung stehen Verein, Fans, Mannschaft und Trainerteam Schulter an Schulter zusammen. 

  • Die Tops im Kader

Als Oliver Ruhnert bereits kurz nach der Beendigung der letzten Saison mit dem Telefon am Ohr gesehen wurde, hätte man eigentlich Rufen wollen: „Könnte mal jemand dem Oli bitte das Telefon wegnehmen?“ Denn bereits nach wenigen Wochen und den Top-Abgängen von Sebastian Polter, Sebastian Anderson, Neven Subotic, Suleiman Abdullahi und Rafael Gikiewicz hatte Oliver Ruhnert die Abgänge nicht nur ersetzt, sondern qualitativ sogar noch weit übertroffen. Mit Max Kruse, Robin Knoche, Andreas Luthe, Loris Karius und Joel Pohjanpalo wurden nicht nur namhafte gestandenen Profis an die Alte Försterei geholt, sondern auch Spieler, die der Mannschaft sofort helfen konnten. Mit dem Abgang von Zielspieler Sebastian Anderson wurde die Mannschaft komplett auf eine neue Stufe gestellt. Im Gegensatz zur Vorsaison hat sich Union spieltechnisch um mehrere Stufen verbessert und ist in der Lage, ohne qualitativen Bruch, jeden Spieler auf dem Feld durch einen Spieler von der Bank zu ersetzen. Absolute Top-Spieler, die dennoch in der Hinrunde einige Millimeter herausragen: Marvin Friedrich, Max Kruse, Sheraldo Becker, Christopher Trimmel, Robert Andrich, Robin Knoche und Cedric Teuchert.     

  • Die Flops im Kader

Die Antwort auf diese Frage wäre eigentlich: Welche Flops? Sieht man sich den Kader aus Neuverpflichtungen und „alten“ Spielern an und vor allem die bisher gespielte grandiose Hinrunde, die alle kühnsten Erwartungen übertroffen hat, ist zu erkennen, dass Union in allen 17 Spielen der Hinrunde selbst mit der sogenannten „zweiten Reihe“ immer beindruckend starke und vor allem konstante Leistungen abgerufen hat. Selbst der Ausfall von 4 bis 6 absoluten Leistungsträgern der Stammspieler konnte kompensiert werden. Hinrundenplatz 6 mit 28 Punkten lässt eigentlich auch keine andere Einschätzung zu. Wenn man allerdings das Wort „Flops“ mit „Pechvögeln“ ersetzt, gibt es natürlich einiges zu schreiben. Unions Sommerneuverpflichtung Keito Endo kam bereits mit einer Muskelverletzung nach Berlin und wurde durch diese auch mehrfach wieder zurückgeworfen. Kamm er ins Spiel war er jedoch eine Belebung. Ähnlich verhielt es sich bei der Verletzung des Rechtsaußen Akaki Gogia, der sich noch in der letzten Saison einen Kreuzbandriss zuzog, operiert wurde und eine ganze Weile in der Reha verbringen musste. Auch auf der Torhüterposition kann man durchaus von einem Pechvogel sprechen. Im Sommer tauschen der FC Augsburg und Union Berlin ihre Nr. 1 gegenseitig aus. Der vom FCA verpflichtete Andreas Luthe kam nach Berlin und brachte sofort Topleistungen auf dem Platz, die man sich auch von einem souveränen Schlussmann erwarten konnte. Dann verpflichten die Köpenicker auf Leihbasis kurze Zeit später – sozusagen auf dem letzten Drücker – aus Liverpool Loris Karius, einen Torwart mit internationaler Ausstrahlung und Erfahrung. Aber warum sollte der Trainer auf dieser sensiblen Position rotieren? Urs Fischer ist als Trainer nicht dafür bekannt, nach Namen aufzustellen. Bei Fischer zählt ausschließlich das Leistungsprinzip und solange Andreas Luthe ein starker Rückhalt ist – der definitiv auch Karius wäre – hat Fischer, so blöd das auch für Loris Karius ist, keinen Grund einen Wechsel vorzunehmen.

  • Baustellen im Kader

In der Sommerpause hat sich Unions Mittelstürmer Anthony Ujah einem – so klang es zumindest – Routineeingriff am Knie unterziehen müssen. Was nach einem kleinen Eingriff aussah, entwickelte sich zu einer hartnäckigen Geschichte. Bis einschließlich des 18. Spieltages steht Ujah noch immer nicht dem Punktspielbetrieb zur Verfügung. Das sich während der Hinrunde zusätzlich im Sturmzentrum Unions namhafte Stürmer Max Kruse und Joel Pohjanpalo langwierig verletzen, verschärfte die Situation in Unions Angriff zusätzlich, sodass an den letzten Spieltagen Union Berlin lediglich nur noch einen echten Stürmer, den ebenfalls aus Liverpool ausgeliehen Taiwo Awoniyi, im Kader hatte. Darauf reagierend hat Union Anfang Januar Leon Dajaku vom FC Bayern München verpflichtet, der bereits in seinem ersten Kurzeinsatz gegen Leipzig zeigen konnte, dass er sofort eine Verstärkung sein kann und zudem – zwar als Leihspieler mit Kaufoption – für Union eine Investition in die Zukunft sein kann. Das sich gleichzeitig auch noch Stammspieler im Mittelfeld und der Abwehr verletzten schuf eine Situation, dass Union an einigen Spieltagen nicht einmal die gesamte Auswechselbank mit gesunden Spielern besetzen konnte. Es scheint sich abzuzeichnen, dass die Baustellen im Kader nicht mit Neuverpflichtungen behoben werden, sondern auf eine baldige Rückkehr der Genannten gehofft wird. Aber man weiß ja nie was der Transvermarkt kurz vor Schluss noch hergibt und sich kurzfristige Möglichkeiten ergeben, die Oliver Ruhnert doch wieder zum Telefon greifen lassen.    

  • Wie steht’s um den Verein?

Sportlich läuft es bei den Profis des 1. FC Union Berlin besser als überhaupt erwartet. Wie bereits im ersten Abschnitt beschrieben gilt bei Union einzig und allein als Saisonziel die magische 40-Punkte-Grenze, die üblicherweise einen Klassenerhalt bedeuten würde. Mit Platz 8 und 28 Punkten nach dem 18. Spieltag sind alle sportlichen Erwartungen weit übertroffen. Nur zum Vergleich: nach dem 18. Spieltag der letzten Saison lagen die Eisernen aus Oberschöneweide mit 20 Punkten auf Platz 12 und das galt schon für einen Aufsteiger in seiner 1. BuLi Saison als sensationell. Der Verein und das Team um Vereinspräsident Dirk Zingler genießt vonseiten der Fans uneingeschränkte Unterstützung. Gab es in der Vergangenheit mal gelegentliche „atmosphärische“ Störungen zwischen Fans und Vereinsführung – vor allem nach der „Corona“-Zwangspause im Frühjahr 2020 und der Teilrückkehr der Fans ins Stadion – wurden diese im direkten Kontakt miteinander besprochen. Schließlich steht mit Dirk Zingler nicht nur ein Geschäftsmann an der Spitze des Vereins, sondern in erster Linie ein Fan, der vor seiner Funktion als Präsident auf den Stehtraversen im Stadion zu Hause war. Wirtschaftlich hat sich der Verein seit seinem Aufstieg in die 2. Bundesliga in der Saison 2009/10 Jahr für Jahr immer mehr konsolidiert und die negative Eigenkapitalentwicklung von anfänglich 16 Millionen (2009/10) auf zuletzt 8,9 Millionen Euro (2018/19) fast halbiert. Doch dann kam die Pandemie und machte eine 10-jährige Konsolidierung innerhalb von 3 Monaten zunichte. Wie auf der virtuellen Mitgliederversammlung am Mittwochabend vom Verein verkündet, ist der Verein wirtschaftlich nicht existenziell gefährdet, obwohl sich bedingt durch Corona die Situation des negativen Eigenkapitals wieder auf 17 Millionen erhöht hat. Auch Dank der Mithilfe der Fans, die auf die Rückerstattung der bereits bezahlten Tickets und Dauerkarten im „Geisterspielbetrieb“ verzichtet hatten – immerhin knappe 0,62 Millionen Euro – wurde der Verein finanziell sehr stark entlastet. Ebenso standen alle Sponsoren uneingeschränkt zu Union zudem verzichteten Mitarbeiter und Spieler von Union Berlin in Höhe von 1,25 Millionen Euro auf Gehälter. Selbst in diesen schwierigen Zeiten konnte Union die Anzahl der Sponsoren innerhalb von einem Jahr von 452 auf 468 leicht steigern. Union wird schlussendlich aus diesen Zeiten ohne Fans in den Stadien mit Sicherheit gestärkt hervorgehen, was auch vor allem den Zusammenhalt von Fans und Verein betrifft.


Mainz 05

  • Saisonziel

Das Saisonziel der 05er ist in jedem Jahr gleich: Die Klasse halten. So auch in den vergangenen Jahren, wenn es hieß #Mainzbleibt1, #UnserTraumLebt oder #Mainzbleibt. Dafür hielt man an Achim Beierlorzer fest, der in der Saison 19/20 dieses Ziel bereits umgesetzt hatte. Beierlorzer, mit dem Rouven Schröder in Fürth bereits zusammengearbeitet hatte, dessen Arbeit in Regensburg vor seinem Wechsel zum 1. FC Köln viel Beachtung gefunden hatte und der im RB-Universum unter Rangnick ausgebildet worden war. Damit schien er mit den Mainzer Prinzipien vertraut zu sein, doch diese Entscheidung entpuppte sich als folgenschwerer Fehler. Nach einem Spielerstreik wurde Beierlorzer nach dem zweiten Spieltag entlassen und Jan-Moritz Lichte, Co-Trainer unter Sandro Schwarz und Achim Beierlorzer, wurde befördert. Mit 6 Punkten aus zwölf Spielen wurde es vor Weihnachten in Mainz sehr ungemütlich. Am 4. Advent ließ Präsident Stefan Hofmann verlauten, es käme alles auf den Tisch, zwei Tage später verließ Rouven Schröder den Verein, Jan-Moritz Lichte wurde nach der Ernennung von Christian Heidel als Sportvorstand und Martin Schmidt als Sportdirektor Anfang des Jahres freigestellt.

  • Der Kader – Flops only

Im Sommer plante Rouven Schröder einen Umbruch im kompletten Kader der 05er. Bereits unter Beierlorzer offenbarte sich, dass der Kader auf das von Sandro Schwarz präferierte 4-4-2 mit Raute zugeschnitten war. Besonders im Zentrum aber auch auf den Außenbahnen fehlte es den Mainzern an Durchschlagskraft. Der geplante Umbruch der Mannschaft wurde auf Grunde des durch Covid-19 veränderten Marktes und der eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten verhindert. Die Verpflichtungen von Stöger und Kilian waren die einzigen im Sommertransferfenster. Beiden waren die einzigen realistischen Veränderungen, die Schröder mit Blick auf die erste Mannschaft herbeiführen konnte. Vielen Fans stieß auch der Transfer von Eigengewächs Ridle Baku sauer auf, der für 10 Millionen Euro zum VfL Wolfsburg wechselte, wo er in kurzer Zeit zum Nationalspieler avancierte. Doch Mainz 05 war auf die durch den Verkauf erwirtschafteten finanziellen Mittel angewiesen. Vor diesem Hintergrund kann auch der Abgang von Jean-Phillipe Mateta betrachtet werden. Der Mainzer Toptorschütze der Hinrunde verließ den Verein in Richtung Crystal Palace. Von Außen mag dieser Transfer unverstädlich wirken, doch Mateta verkörperte in Mainz auch die fehlende Bereitschaft sich für die Mannschaft aufzuopfern.

  • Baustellen im Kader

Der Kader ist eine Großbaustelle. Tiefer Abgrund, aber auch Hoffnung für zukünftige Entwicklung. Das die Mannschaft durchaus auch funktioniert, bestätigt die Tabelle, wenn nur die erste Halbzeit gewertet würde. Dort wäre Mainz auf Platz 9. Es gibt es also ein Fundament, auf dem Bo Svensson aufbauen kann. Die Leistungen gegen Leipzig und Dortmund waren ein guter Start. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Mainz bereits in der Hinrunde gegen ambitionierte Mannschaften wie Leverkusen und Gladbach teilweise sehr unglücklich verlor. Das Problem waren und sind Spiele gegen direkte Konkurrenten, in denen die Harmlosigkeit der 05er frappierend zu Tage trat. Die Mainzer Spielidentität beruht auf dem Gedanken, im Kollektiv individuelle Schwächen auszugleichen, was zu der absurden Situation führt, dass die Mannschaft Problem und Lösung im gleichen Maße ist. Eine Baustelle eben, auf der seit Svensson wieder hart gearbeitet wird.

Exemplarisch dafür stehen Dominik Kohr und Danny da Costa, die unbelastet als Leihe die 05er im Abstiegskampf seit letzter Woche verstärken. Die über die Hinrunde angehäuften Niederlagen belasten die Mainzer. Es fehlte vor allem an kreativen Lösungen nach vorne. Auch Standards stellten für die Rheinhessen bis zum Spiel gegen Leipzig keine Lösung dar.

  • Wie steht’s um den Verein?

Schlecht, um es kurz zu machen. Die Hinrunde war für Mainz 05 eine Zerreisprobe, die es aktuell noch zu überstehen gilt. Innerhalb von vier Monaten wurden zwei Trainer und Rouven Schröder als Sportvorstand entlassen. Gleichzeigt gibt es Machtquerelen im Aufsichtsrat und lediglich einen Sieg in der gesamten Hinserie. Wie düster es in Mainz noch vor Weihnachten aussah, fasst dieser Text sehr gut zusammen.

Als 05er kann man die aktuelle Situation mit dem nötigen Galgenhumor sehen oder noch Hoffnung schöpfen. Christian Heidel und Martin Schmidt verantworten seit dem neuen Jahr gemeinsam die sportlichen Entscheidungen. Dafür wurde das Amt des Sportvorstands an Christian Heidel übergeben, während sich Martin Schmidt in der neugeschaffenen Position als Sportdirektor um das Tagesgeschäft kümmert. Gleichzeit arbeitet der neue/alte Mainzer Bo Svensson an der sportlichen Entwicklung der Mannschaft, unabhängig, ob die 05er diese Saison auf einem Abstiegsplatz beenden oder sich in der Liga halten können. Wichtig ist dabei den Mainzer Weg nicht aus den Augen zu verlieren.


Arminia Bielefeld

  • Saisonziel

Über dem Strich zu stehen ist das oberste Ziele für diese Saison. Und tatsächlich schafften die Arminen das zum Ende der Hinrunde. Die Hoffnung auf den Klassenerhalt lebt beim Aufsteiger aber auch vor allem dank der Patzer der Konkurrenz. Schalke und Mainz machen es dem Rest der Abstiegskandidaten in diesem Jahr bislang leicht, auf den Ligaverbleib zu hoffen. 

Zwischenzeitlich musste einem um den DSC allerdings Angst und Bange werden. Sieben Spiele in Folge verloren die Bielefelder im tristen Herbst und rutschten dabei nicht nur emotional in ein Tief. Nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand wurde in Bielefeld über den Rauswurf von Aufstiegstrainer Uwe Neuhaus gesprochen. Erst das 1:0 auf Schalke sicherte dem DSC-Coach den Job und schuf eine neue, positivere Perspektive für die Arminen.

  • Die Tops im Kader

Absoluter Topspielen der Hinrunde ist Ritsu Doan. Der japanische Nationalspieler kam vor der Saison auf Leihbasis vom PSV Eindhoven. Und bislang ist der dribbelstarke Offensivspieler jeden Cent wert. Der Japaner verleiht dem Spiel des DSC den Hauch Bundesliga, den viele andere Spieler - auch aufgrund fehlender Erfahrung - noch vermissen lassen. Genau so hat sich Torwart Stefan Ortega Moreno zu einer festen und verlässlichen Konstante im Bielefelder Spiel entwickelt. Ohne den starken Keeper hätten die Arminen sich noch deutlich mehr Tore als die bislang 29 eingefangen.

  • Baustellen im Kader

Mehr Mut und Kreativität im Mittelfeld würden dem Bielefelder Spiel noch gut tun. Ein Spieler mit mehr Bundesligaerfahrung, der Struktur und Überzeugung mitbringen kann, fehlen hin und wieder. Doch so ein Spieler ist für den DSC, wenn überhaupt, wohl nur per Leihe zu bekommen.